Früher
|
Einkaufen
|
Trends
|
Lexikon
|
Sonstiges
 

Die 60er Jahre - Schöne neue Plastikwelt 

Wir schreiben die 1960er. Die Damenkleider sehen aus wie von Bauhaus entworfen. Bauhaus, das ist ... Mies van der Rohe, Le Corbusier und so. Cool – für Möbel.
Ungünstigerweise passen Frauenkörper nicht besonders gut in solche Formen, aber egal. Es wird geeckt und gekantet, was das Zeug hält. Twiggy, der wandelnde Kleiderständer im praktisch zusammenklappbaren Teenie-Format, kann es ja schließlich auch tragen.
Die Tapeten sind großflächig bunt in Braun und Orange. Die Kleider ... strikt gerade, Kastenform von Schulter bis Oberschenkelmitte, darunter viel schlaksiges oder üppiges Bein, auf halbem Weg unterm Knie vermutlich Kniestrumpf und ganz unten dann ein Spangenschuh in hocheleganter Fasson. Rosa. Nein, nicht pink. Pink kommt später, in den 80ern. Wir sind jetzt noch in den 60ern. Die Farbe ist eindeutig Rosa und der Spangenschuh sieht so aus, als würde seine Trägerin sich damit demnächst beide Beine brechen, also alles andere als gesund. Die Absatzhöhe dürfte ungefähr ans Empire State Building herankommen. Früher hätte man solche Absätze Twin Towers genannt, aber nun ja, man will ja nicht geschmacklos werden.
Welchen Schmuck man dazu trägt? Plastikperlen! Was denn sonst?
Riesige Plastikperlen in allen Farben, Formen und Größen. Immer halsnah. Wir wollen ja schön unsere Fettpölsterchen respektive unsere kantigen Jochbeine kaschieren, nicht wahr?
Außerdem unverzichtbar sind natürlich Ohrclips. Je größer, desto schöner. Sie zwicken höllisch, aber Schönheit muss nun mal leiden. Die elegante Frau in den 60ern trägt selbstverständlich keine Ohrringe, Ohrstecker oder dergleichen, das ist Großmutterkram. Nein, sie "clipst" sich riesige, schmerzhafte Plastikgebilde an die Ohren. Und hofft hernach drei Stunden lang, dass das Vorstellungsgespräch endlich vorbei sein möge, damit sie die unmenschlichen Folterinstrumente abmontieren kann.

Neben dem schmückenden Plastikbeiwerk darf natürlich auch ein weiteres Element nicht vernachlässigt werden: Die Zweitfrisur.
Die elegante Dame der 60er Jahre hatte so selbstverständlich eine Perücke und einen Dutt im Schrank wie unsereins heute für jede passende und unpassende Gelegenheit mindestens ein zweites Paar Schuhe besitzt. Frisuren gab es ja nicht einfach so nebenher von der Stange. Wollte man elegant ausgehen, stand eine langwierige Sitzung bevor, ob nun beim Friseur oder unter der heimischen Trockenhaube. Wenn es denn aber mal schnell gehen musste? Bingo: Perücke. Die war von der Friseurin der Wahl vorfrisiert und konnte, eine gewisse Geschicklichkeit vorausgesetzt, so über die Hausfrauenkatastrophe drübergestülpt werden, dass kein Mensch was merkte – außer der engsten Freundin, die aber selber so ein Ding aufhatte und daher tunlichst den Mund hielt.
60er Jahre? Nur nicht aus Liebe weinen. Die Füße taten auch so schon weh, und die Ohren auch, da ging manch einer zum Onkel Doktor.